Wenn Trauer zu Kunst wird

Svana Seidel’s Erinnerungsbücher für Sterneneltern zum selbst Gestalten

Svana habe ich vor Kurzem eher zufällig “wieder getroffen”. 2013 hatte sie in unserem damaligen DaWanda-Shop Manschettenknöpfe für ihren Mann bestellt. Dass uns unsere Wege in einem ganz anderen Bereich kreuzen würden, hätten wir damals nicht erwartet.

Svana ist Kunsttherapeutin, sie unterstützt in ihrer Praxis nördlich von Hamburg Menschen dabei, mit Stress, Krisen, Traumata und Trauer umgehen zu lernenzu lernen. Neben gesprächstherapeutischen Ansätzen wird bei ihr die Kreativität des Einzelnen genutzt, um Gedanken und Gefühle in Bilder und Skulpturen zu bringen. Schon allein der Prozess hilft dabei, Selbstheilungskräfte zu aktivieren und Blockaden zu lösen. Auf diesem Ansatz beruhen auch ihre Bücher, die gerade vor wenigen Wochen erschienen sind: sie hat kreative Erinnerungsbücher für Sterneneltern und -geschwister entworfen, die die Familien nach dem Verlust eines Babys ganz für sich und das verstorbene Kind gestalten und so ihrer Trauer und ihrem Verlust Ausdruck verleihen können. Das kreative Gestalten schafft damit nicht nur eine Erinnerungsmöglichkeit, sondern hilft auch bei der Verarbeitung der Emotionen.

Ich finde diese Idee wirklich großartig und freue mich deshalb umso mehr, dass Svana und ich gleich (wieder) so einen guten Draht zueinander gefunden haben. Ich habe ihr einige Fragen zu ihrer Arbeit gestellt, hier ist für Euch mein Interview mit Svana Seidel:

Liebe Svana, wie bist Du auf die Idee gekommen, Kreativbücher zur Trauerarbeit zu gestalten, und warum legst Du dabei besonderen Fokus auf Sterneneltern?

Das erste Mal hatte ich vor ca. 7 Jahren die Idee, Trauerarbeit und Kunst zu verbinden. Ich wusste damals aber nicht genau, wie ich meine kunsttherapeutischen Ideen zusammenbringen soll. Dann, beim Kaffee mit einer Hebamme und Sternenmutter, diskutierten wir über die Situation der Sterneneltern und den Bedarf der Eltern sowie des Umfeldes an Unterstützung. Da entstand die Idee zu einem kreativen Erinnerungsbuch, das eigene Kunst und Abschiednehmen miteinander verbindet. Als Sternenschwester und Künstlerin war das der Impuls, der mir noch gefehlt hat. Auch wenn es komisch klingt, ich habe die Bilder und Übungen gleich vor mir gesehen. Inspiriert durch meine Sternenschwester musste ich dann nur noch malen und schreiben. Am Ende war das natürlich mehr Arbeit als gedacht. Jedoch hatte ich das Glück, dass eine ganze Reihe von verwaisten Eltern bereit waren, das Buch zu testen und zu kommentieren. Neben dem fachlichen Austausch hat insbesondere diese Phase das Buch sehr bereichert.

Kunsttherapie ist eine sehr gute Methode mit Trauer umzugehen und dabei die eigene Kreativität zu entdecken und Bilder zu gestalten.

Svana Seidel

Du hast auch ein Buch für trauernde Kinder entwickelt – aus Deiner Erfahrung heraus: trauern Kinder anders als Erwachsene?

Kinder trauern nach meiner Erfahrung tatsächlich anders als Erwachsene. In der Kunsttherapie ist es häufig viel leichter, mit Kindern zu arbeiten, da sie nicht so viele Vorstellungen haben, wie Trauer sein soll und gerne einfach drauflos malen. Bei Erwachsenen erfolgt der Einstieg viel häufiger über ein Gespräch. Dabei sagt ein Bild ja bekanntlich mehr als 1.000 Worte. 

Kunsttherapie ist daher eine sehr gute Methode mit Trauer umzugehen und dabei die eigene Kreativität zu entdecken und Bilder zu gestalten. Aus meiner eigenen kunsttherapeutischen Praxis erlebe ich, dass es viele Menschen gibt, und das sind Kinder und Erwachsene gleichermaßen, die in Momenten des Abschieds auch mehr brauchen als eine zeitlich begrenzte Therapie. Hierfür habe ich vor einigen Jahren angefangen, Bilder zur Nachbearbeitung zu gestalten. Diese sollen Kraft und Halt geben und eine weitere Anregung sein, selber kreativ oder künstlerisch tätig zu werden. Vor allem entstand dadurch aber am Ende der Therapiezeit eine Sammlung an Bildern. Diese Sammlung war für viele oft mehr als nur Bilder, es war ihr Weg mit sich und der Trauer. Auf Grund der wiederkehrenden Anfragen von verschiedenen Seiten ist dann die Idee entstanden, diese Bilder zu einem ganzheitlichen Buch zusammen zu fassen. Damit soll allen Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Kreativität selbst zu erleben und ihre eigene Form mit der „Himmelsreise“ zu finden. So entstand das Kreativbuch „Himmelsreise“ als Ergänzung zu „Mein Kind im Herzen”– das Kreative Erinnerungsbuch“.

Was glaubst Du, welche Rolle Kunst und Kreativität bei der Bewältigung von Tod und Trauer spielen?

Kreativität spielt aus meiner Erfahrung eine sehr wesentliche Rolle mit dem Tod umzugehen und ist ganz häufig konstruktiver Bestandteil der Bewältigung. Ich beobachte viel Kreativität bei den meisten Trauernden und dazu gehört insbesondere kreatives Schreiben und Malen, weil es ein wunderbares Mittel ist, seinen persönlichen Umgang mit Trauer zu finden. Kreativ zu werden bedeutet, die eigene Handlungsfähigkeit zurück zu bekommen. Eigene Emotionen zu gestalten und Trauer auszudrücken ist an sich schon ein heilender Prozess. Durch meine Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe habe ich erlebt, dass Kreativität häufig eine Chance bietet, Krisen zu verarbeiten, Verhalten zu verändern und neue Kräfte für die Zukunft zu bilden.

Ich finde es unglaublich wichtig, dass die Frauen vor der Stillen Geburt so schnell wie möglich Informationen über Hilfe und Unterstützung bekommen. Denn häufig haben sie nur sehr kurz Zeit und diese sollten sie so gut wie möglich nutzen können.

Svana Seidel

Du arbeitest ja auch im Netzwerk von Hope’s Angel (mit dem wir auch seit drei Jahren zusammenarbeiten) – wie bist Du dazu gekommen und wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Mir ist es wichtig, meine Arbeit fachlich breit aufzustellen, speziell im Bereich Sternenkinder ist eine fundierte Herangehensweise wesentlich. Dies gelang zum Einen durch die Arbeit mit Betroffenen und weiteren Kollegen.  Jedoch wurden Gespräche bei spezifischen Fragen häufig mit: „Frag mal lieber Birgit…“, beantwortet. So bin ich dankbar, dass Birgit Rutz das Manuskript fachlich unterstützt hat und sich daraus ein wunderbar bereichernder Austausch entwickelt hat. Parallel zum Buch entstanden so gleich noch weitere Projekte und Initiativen. Hier ist das Netzwerk von Hope’s Angel und die Zusammenarbeit mit Birgit sehr wertvoll.

Gemeinsam mit Hope’s Angel verteile ich Hoffnungsboxen in Krankenhäusern, da ich es unglaublich wichtig finde, dass die Frauen vor der Stillen Geburt und so schnell wie möglich Informationen über Hilfe und Unterstützung bekommen. Denn häufig haben sie nur sehr kurz Zeit und diese sollten sie so gut wie möglich nutzen können. Oft höre ich in der Praxis, „Hätte ich das nur gewusst, hätte ich das anders gemacht“. Genau aus diesem Grund finde ich es so unendlich wichtig. Aus der Zusammenarbeit mit einer Ärztin und Birgit Rutz entstand deshalb auch die Idee, eine anerkannte Fortbildung im Krankenhaus selbst anzubieten. Dieses Angebot wird positiv angenommen und befindet sich gerade in der Planung und Vorbereitung.

Was machst Du, wenn Du keine Bücher designst?

Ich lebe mit meinem Mann und meinen drei Kindern an der Hand in der Nähe von Hamburg. Ich liebe alles, was künstlerischer Ausdruck ist: Nähen, Zeichnen, Malen, Schnitzen, Steinhauen oder Schmieden. Ich mag die Vielseitigkeit der Materialien und habe so schon immer Kunst gemacht. Wie die Kunst zu meinem Leben gehört, sowie auch die Pferde, die mich durch meine Familie begleiten. Mein Leben war schließlich lange Zeit ein Ponyhof – auf dem ich aufgewachsen bin – bis ich mich für die Kunst entschieden habe. Ausbildungsseitig bin ich anthroposophische Kunsttherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und als Dozentin für Kunsttherapie aktiv.

Wo im Internet kann man Dich und Deine Arbeit finden (und Deine Bücher bestellen)?

Meine Bücher findet Ihr auf www.kreativwerkstatt.art. Zudem habe ich eine Instagram Seite nur für das Buch, @erinnerungsbuch_sternenkinder, und meine Praxis findet Ihr unter www.svana.ch.

Liebe Svana, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für meine Fragen genommen hast. Ich finde es wirklich wunderschön, was Du machst, und ich denke, dass es für viele Menschen sehr wichtig und hilfreich ist.

Alles Liebe,

Katja

2 replies on “Wenn Trauer zu Kunst wird

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