Blick hinter die Kulissen: Wie eine Gravur entsteht

 
Manchmal, wenn ich einem Kunden erkläre, dass sein Gravurwunsch als Sondergravur gilt, denke ich mir: oh je, darunter kann er/sie sich bestimmt nicht viel vorstellen. Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich Euch einfach mal zeige, wie bei uns eigentlich die Gravuren entstehen. Wir gravieren nämlich mit Hilfe eines sogenannten “Gravographen”: das ist ein Gestell (Maschine würde ich das nicht nennen, denn es wird ja nur von Hand bewegt), das mit Hilfe von verschiedenen Übersetzungen die Bewegung eines großen Stichels in die Bewegung eines kleinen Stichels überführt und dabei verkleinert. Das ist gar nicht so einfach, wobei das Gravieren selbst nicht mal das Schwierige daran ist, wenn man einmal das Gefühl für die Bewegung hat: viel komplizierter ist die Einrichtung und genaue Platzierung der Gravur. Aber fangen wir von vorn an:

Der Gravograph

Unser Gravograph ist von der Funktionsweise her ein sogenannter “Pantograph”, den Wikipedia wie folgt definiert: “Pantograf oder Pantograph (vereinzelt auch Pantagraf bzw. Pantagraph) bedeutet wörtlich aus dem Griechischen übersetzt Allesschreiber. Das Gerät, auch als Storchschnabel bezeichnet, ist ein mechanisches Präzisionsinstrument für das Übertragen von Zeichnungen im gleichen, größeren oder kleineren Maßstab.” Bei uns ist an dem kleineren Ende ein Diamantstichel befestigt, der feine glänzende Linien in das Silber zieht.

Die Vorbereitung

Wenn wir uns zum Gravieren hinsetzen, haben wir das Schmuckstück schon fast fertiggestellt: die Oberflächen (bis auf das abschließende Finish) sind poliert und wir lassen die Schmuckstücke, damit Sie keine Kratzer oder Beschädigungen durch die metallene Spannmechanik des Gravographen erhalten, in Bienenwachs ein – darin sind sie fest und geschützt. Das Schälchen mit dem Bienenwachs spannen wir in den Gravographen ein und dann geht es an den spannenden Teil: das Einrichten.

Als erstes legen wir die entsprechenden Buchstabenplättchen in die Gravurschiene ein – alles korrekt buchstabiert? Check!

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Danach richten wir die Schriftgröße ein: dafür muss man an drei Leisten genau den gleichen Wert einstellen, damit die Übertragung nachher auch exakt funktioniert und nicht zu schmal oder zu flach ist. Mit Hilfe von vielen kleinen Hebeln, Rädchen und Schiebern bringt man als nächstes das Schmuckstück genau unter den Stichel, sodass die gesamte Schrift draufpasst (wenn nicht, müssen wir die Schriftgröße nochmal anpassen) und idealerweise mittig sitzt bzw. eben an der richtigen Stelle. Da man nicht mal eben eine “Testgravur” machen kann und sich nicht immer alles genau vorher abschätzen lässt (Winkel, Position etc.), ist dieser Teil der schwierigste: ist die Gravur drauf und stimmt etwas nicht, hat man Pech und muss die Gravur wieder rausschleifen. Deshalb kann so eine Einrichtung schonmal 10-15 Minuten in Anspruch nehmen: nochmal prüfen, nochmal messen und nochmal prüfen …

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Die Gravur

Jetzt nochmal tief durchatmen und loslegen! Die linke Hand hält den Hebel mit dem Diamantstichel, die rechte Hand fährt mit dem großen Stichel die Linien der Vorlagen nach. Jetzt bloß nicht abrutschen! Am Anfang ist uns das häufig passiert – schwups, da war eine Linie, die da nicht sein sollte … nochmal raus, nochmal neu! Inzwischen haben wir die Routine und es ist uns schon lange nicht mehr passiert, dass wir abgerutscht sind – aber wir wollen es nicht beschwören, denn es ist jedesmal ärgerlich. Wir gravieren immer erstmal ganz zart den ersten und letzten Buchstaben, um abschätzen zu können, ob alles richtig eingerichtet ist und schön gerade steht. Wenn alles passt, gravieren wir einmal komplett und schauen uns das Ergebnis an. Ist das dann auch ok, wird die Gravur noch drei bis viermal nachgezogen, damit sie im Schmuckstück gut sichtbar ist.

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Insgesamt mit Einrichten und Gravieren dauert eine Gravur zwischen 10 und 30 Minuten. Das Längste, das wir mal gebraucht haben, war 3 Stunden – zu zweit! Das war die Gravur auf dem Ring mit dem Pfotenabdruck, den ich Euch vor einigen Wochen vorgestellt hatte.

Standardgravur und Sondergravur

Bei fast allen unserer Schmuckstücke ist eine Standardgravur im Preis enthalten, d.h. je Abdruck ein Name und/oder ein Datum, je nach Platz auf der Vorder- oder Rückseite des Schmuckstücks, in einer unserer beiden Standardschriften. Die eine ist eine doppelkonturige Kursivschrift, die wir sehr gern und sehr oft verwenden. Die andere ist eine einkonturige gerade, eher technisch wirkende Schrift. Letztere ist deutlich kleiner und kann somit auch bei ganz wenig Platz (z.B. auf der Rückseite von Manschettenknöpfen) verwendet werden. Die doppelkonturige Schrift kann nur bis zu einem bestimmten Maß verkleinert werden und sie nimmt schon wegen der geschwungenen Buchstaben viel mehr Platz ein. Gerade auf den kleinen Schmuckstücken wie den kleinen runden oder ovalen Anhängern kann es dann schonmal passieren, dass ein Datum auf zwei Zeilen aufgeteilt werden muss (Tag/Monat oben und die Jahreszahl darunter).

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Was ist denn nun eine Sondergravur? Eine Sondergravur ist im Prinzip alles andere:

  • eine Gravur, die kleiner ist als wir mit unseren Standardschriftarten gravieren können
  • eine Gravur, die über Name und Datum hinausgeht und z.B. eine persönliche Widmung beinhaltet
  • eine Gravur, die nicht auf einer geraden, sondern einer runden Linie verläuft
  • eine Gravur in einer anderen Schriftart (z.B. Eurer eigenen Handschrift)
  • eine Gravur, die Sonderzeichen beinhaltet wie Herzen, Sterne, Unendlich-Zeichen

Das habe ich vor ganz langer Zeit schonmal hier auf dem Blog beschrieben: “Was ist eigentlich eine Sondergravur?”

Dafür müssen wir jedesmal eine neue Gravurvorlage erstellen, was teilweise bis zu einer Stunde und mehr in Anspruch nimmt. Deshalb berechnen wir Sondergravuren je nach Aufwand extra.

Jede Gravur ist anders

Wir haben mit der Zeit schon ein gutes Bauchgefühl und Augenmaß entwickelt, was die richtige Schriftgröße und Positionierung der Schmuckstücke angeht. Trotzdem können immer klitzekleine Unregelmäßigkeiten auftreten: sowohl die Formen der Schmuckstücke, die ja auch von Hand gefertigt sind, sind von Schmuckstück zu Schmuckstück unterschiedlich, als auch dass das Einrichten immer auch mit den verschiedenen Blickwinkeln und Lichtverhältnissen (Tageslicht vs. Abends mit Kunstlicht) jedesmal anders ist. Und so ist eben jedes Stück auch von seiner Gravur her einzigartig.

Gravieren macht uns wirklich Spaß, weil es einfach toll ist, wie schön die Gravuren auf den Schmuckstücken wirken, wenn sie dank des Diamantstichels so herrlich glänzen. Im Gegensatz zu gefrästen Gravuren, die durch einen rotierenden Fräser gezogen werden, geht der Diamantstichel nämlich glatt durch das Silber und poliert die Oberfläche gleich während des Gravierens mit. Das finden wir wunderschön!

Ich hoffe, es hat Euch Spaß gemacht, mal einen Blick hinter unsere Kulissen zu werfen, und Ihr könnt Euch jetzt viel besser vorstellen, wie bei uns eigentlich die Schrift in den Schmuck kommt.

Das war jetzt erstmal mein letzter Beitrag vor unserem Urlaub – ich melde mich dann Ende August wieder mit meinem Schmuckstück des Monats und natürlich dem Instagram-Review, der diesmal bestimmt viele schöne Urlaubsbilder zeigen wird!

♥ Liebe Grüße, Katja

 


2 replies on “Blick hinter die Kulissen: Wie eine Gravur entsteht

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